„Wunder" von R. J. Palacio – warum der Welterfolg literarisch mehr kann, als ihm zugetraut wird

August Pullmans Gesicht ist durch einen seltenen Gendefekt verändert und er musste bereits in seinem jungen Leben viele Operationen durchstehen. Nun geht er zum ersten Mal in eine reguläre Schule und sieht sich mit vollkommen neuen Herausforderungen konfrontiert. Ich habe dieses Buch mit der festen Erwartung begonnen, einen rührenden und einfühlsamen Roman zu lesen. Doch bereits nach wenigen Seiten musste ich feststellen, dass ich noch so viel mehr dazulernen darf.

Buchdaten auf einen Blick

Titel: Wunder

Autorin: R. J. Palacio

Originaltitel: Wonder (2012)

Übersetzung aus dem Englischen von André Mumot

Verlag, Jahr: Carl Hanser Verlag, 28. Januar 2013

Umfang: 384 Seiten (Hardcover)

ISBN: 978-3-446-24175-6

Altersempfehlung: ab 10 Jahren (Verlag)

Genre: Kinder- und Jugendroman, Schulroman

Auszeichnung: Deutscher Jugendliteraturpreis 2014, Preis der Jugendjury

August Pullman, genannt Auggie, ist zehn Jahre alt und kam mit einer schweren Gesichtsfehlbildung zur Welt. Nach etlichen Operationen soll er nun statt des bisherigen Hausunterrichts die fünfte Klasse einer New Yorker Privatschule besuchen. Von nun an muss Auggie sich nicht nur gegen Einzelpersonen behaupten, sondern auch noch gegen die Blicke, das Getuschel und die stillen Absprachen einer ganzen Jahrgangsstufe.
Wir erfahren Auggies Geschichte nicht nur aus seiner Perspektive, denn nach dem ersten Viertel gibt Palacio seinen Mitmenschen eine Stimme, um Auggies Außenwelt kennenzulernen. Und nach jedem Wechsel gerät man mehr und mehr ins Wanken, ob überhaupt noch etwas von dem stimmt, was man eben noch sicher zu wissen glaubte.

Vier Dinge, die mir an dem Roman besonders gefallen haben:


Palacio erreicht eine besondere und eher unkonventionelle Erzählkonstruktion. Insgesamt gibt es acht Teile mit sechs Erzählstimmen. Zu Beginn eröffnet Auggie die Erzählung, dann übernehmen seine Schwester Via, die Mitschülerin Summer, sein Freund Jack, Vias Freund Justin und schließlich Vias Freundin Miranda.
Mithilfe dieser Perspektiven müssen die Lesenden den Eindruck über die Figuren, die sie aus Auggies Sicht längst einsortiert haben, schon kurz darauf wieder revidieren. Denn mithilfe ihrer eigenen Stimme können sie auch ihre persönliche Version erzählen. Damit fordert der Roman genau das Verhalten ein, von dem er handelt: das Urteil zurückzunehmen, wenn man die eigene beschränkte Perspektive verlässt.
Außerdem gehört der stärkste Abschnitt des Buches gar nicht Auggie. Denn seine Schwester Via ist das Geschwisterkind, um dessen Bedürfnisse die Familie seit Jahren herumplant. Sie beschreibt mit einer nüchternen Klarheit und Direktheit, die wehtut, wie es ist, nie das Kind zu sein, das gerade gesehen wird. Kaum ein Kinderbuch erzählt diese reale und alltägliche Situation so vieler Kinder. Und wenn, dann selten auf so eine harte, ehrliche Art.
Sobald man befürchtet, dass der Roman rührselig werden könnte, macht Auggie einen Witz. Mal über seine Operationen, über Star Wars, über die Leute, die wegsehen. Jeglichen erwartbaren Kitsch bekämpft Palacio mit Humor und hat dabei großen Erfolg.
Zudem setzt die Autorin auf Tempo. Die Kapitel sind oft nur ein bis drei Seiten lang und tragen eigene Überschriften. Man liest in Portionen, die auch ein ungeübter Zehnjähriger schafft, und liest trotzdem flüssig durch die 384 Seiten. Damit sind der Roman und seine wichtigen Botschaften für jeden zugänglich, ohne dass der moralische Konflikt vereinfacht wird.


Zwei Dinge, die mich gestört haben:

Auggies Lehrer bringt der Klasse jeden Monat eine Lebensweisheit nahe, wobei der bekannteste mittlerweile zum Markenzeichen des Romans geworden ist: Im Zweifel sollte man immer die Freundlichkeit über das Rechthaben stellen. Damit nimmt die Autorin dem Buch die zuvor fein entwickelten Zwischentöne. Stattdessen erscheinen sie etwas plump und unübersehbar, damit sichergestellt ist, dass die Botschaft ankommt. Diese Botschaften sind überflüssig und entziehen der Erzählweise im Buch die besondere Feinheit und drängen sich unnötigerweise in den Vordergrund.
Alle erwachsenen Romanfiguren scheinen makellos zu sein, sowohl Auggies Eltern, der Schulleiter als auch die Lehrerinnen. Sie reagieren klug, geduldig und im richtigen Moment. Das ist zwar tröstlich, aber es nimmt dem Buch auch eine wichtige Ebene. Die Erwachsenen, die in solchen Situationen in der Realität oft überfordert sind, wegsehen oder das Falsche sagen, existieren im Roman leider nicht.


Mein Fazit:

Ich gebe dem Roman Wunder von R.J. Palacio vier von fünf Punkten. Er ist eine berührende und wichtige Erzählung, die besonders durch seine einfühlsame Botschaft von Toleranz und Menschlichkeit überzeugt. Die Geschichte von August Pullman, der trotz seines ungewöhnlichen Aussehens Mut und Stärke beweist, berührt und regt zum Nachdenken an. Auffällig sind vor allem die vielschichtigen Perspektiven, die nicht nur Augusts Blickwinkel, sondern auch die seiner Familie und Mitschüler einfangen. Das Buch eignet sich sowohl für junge Leser und Leserinnen als auch für Erwachsene und regt zu Gesprächen über Vorurteile und Empathie an.
Dennoch wirkt das Ende etwas zu versöhnlich und nicht alle Konflikte werden realistisch aufgelöst, sodass der Roman nicht die volle Punktzahl erhält. Auch die Darstellung einzelner Antagonisten bleibt stellenweise klischeehaft. Dennoch ist Wunder ein inspirierendes Buch, das lange nachhallt und zeigt, wie wichtig es ist, hinter die Fassade zu blicken.
Es ist ein rundum gelungenes Buch mit Herz und Tiefgang, das genau wie der Protagonist nicht ganz perfekt ist. Demnach ist es absolut lesenswert für Personen, die Romane mögen, die eine Geschichte aus mehreren Blickwinkeln erzählen und uns dabei beim Vorurteil erwischen. Wunder macht den Perspektivwechsel zum Prinzip, nicht zum Effekt. Wer ein Buch sucht, das man mit einem Kind ab zehn gemeinsam lesen und danach wirklich besprechen kann, gibt es wenige bessere. Und wenn man selbst ein Geschwisterkind ist, das immer das unkomplizierte sein musste, dann ist besonders der Via-Teil eine Empfehlung.
Wer allerdings nach einem Roman sucht, der seine Moral offenlässt und die Lesenden zum Selberdenken anregt, wird sich an den eingestreuten Lebensweisheiten reiben.
Und wer hofft, der Film habe alles erzählt, irrt sich. Der Roman lässt genau das weg, was das Buch ausmacht: die sechs Stimmen.

Dieses Buch habe ich selbst gekauft. Es besteht keine Zusammenarbeit mit Verlag oder Autorin.

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